Ru(h)m und Ehre dem Vaterland

Im Gegensatz zu Österreichs Fußball-A-Nationalteam, dessen langfristige Leistungskurve nicht zuletzt durch die Führung Marcel Kollers zweifelsohne nach oben zeigt, gibt es eine Etage darunter, in der ÖFB-U21-Auswahl wiederholt gröbere Unstimmigkeiten. Nachdem bereits im vergangenen September der damalige Kapitän Raphael Holzhauser, Robert Zulj und Marcel Ziegl aus disziplinären Gründen geschasst wurden (die beiden letzteren wurden mittlerweile begnadigt), wurden nun gar 6 Spieler negativ auffällig, indem sie unerlaubt das Teamquartier verlassen hatten und das just vor dem höchst wichtigen EM-Quali-Match gegen die Alterskollegen aus Albanien. Es kam, wie es kommen musste, das Match wurde nach enttäuschendem Auftreten mit 1:3 verloren. Teamchef Werner Gregoritsch griff daraufhin rigoros durch und verbannte alle Beteiligten prompt aus dem Kader. Er kommentierte den Vorfall laut APA-Information folgendermaßen: „Wir behandeln alle Spieler wie Erwachsene und erwarten auch ein dementsprechendes Verhalten. Ich glaube, dass diesen Spielern gar nicht bewusst ist, was sie durch solche Handlungen aufs Spiel setzen.“

Klingt grundsätzlich nach einer klaren Wertevorstellung, die konsequent durchgesetzt wird, was im Paradigma einer nationalen Auswahlmannschaft zu befürworten und auch genauso zu erwarten ist. Ob die Einschätzung des Trainers jedoch vollends zutrifft, erscheint mir doch fragwürdig. Schließlich sollte den meisten Kaderspielern in Anbetracht ihres Karrierefortschritts durchaus bewusst sein, was sie mit solchen Handlungen aufs Spiel setzen. Doch was setzen sie eigentlich aufs Spiel?

Wir sprechen hier von der Möglichkeit, sich für eine Europameisterschaft zu qualifizieren, prinzipiell also sehr erstrebenswert. Wir sprechen aber auch von einem U21-Turnier, das heißt, man misst sich lediglich mit Alterskollegen. Eine Tatsache, die einigen Spielern ein Dorn im Auge zu sein scheint, kompetieren sie doch bereits regelmäßig mit Spielern jenseits ihres Jahrgangs und das teils auf ausgezeichnetem Niveau. Man nehme etwa im Vorjahr verbannten Raphael Holzhauser: Aktuell zwar verletzt, ist er in fittem Zustand jedoch absolut in der Lage, trotz seiner noch jungen Profi-Laufbahn Leistungsträger in einer Deutschen Bundesliga-Mannschaft zu sein, was er bei seinem Stammverein VfB Stuttgart sowie beim FC Augsburg, wohin er momentan ausgeliehen ist, bereits unter Beweis gestellt hat. Auch Spieler wie Daniel Offenbacher (Sturm Graz) oder Christopher Martschinko (SV Grödig), die in Österreichs höchster Spielklasse bereits nachdrücklich Spuren hinterlassen konnten, scheinen den Einsatz gegen Gleichaltrige im patriotischen Dienst nicht durchwegs wertzuschätzen, fühlen sich offensichtlich höheren Aufgaben zugetan. Augenscheinlich vergessen wird dabei die letztjährige U21-EM-Performance des damaligen Barcelona-Talents Thiago Alcántara, der die Nachwuchs-Selección nahezu im Alleingang zum Titel führte. Besagter Thiago zaubert inzwischen für das Ballvirtuosen-Assemblé des FC Bayern München. An der Seite anderer Genien wie Franck Ribéry oder Österreichs Vorzeigeathlet David Alaba (selbst erst zarte 21 Jahre alt!) ist er am besten Wege, einer der Besten seines Fachs weltweit zu werden – keine Rede mehr von „Unter 21“.

Kevin Friesenbichler, einer derjenigen, die ihr letztes U-Ländermatch nun der Vergangenheit zuordnen können, spielt übrigens auch beim FC Bayern, jedoch in der 2. Mannschaft, die sich aktuell in Deutschlands 4. Spielklasse die Knochen abreibt. Im Gegensatz zur spanischen Nummer 6, die auf höchstem Niveau die Strippen zieht, stehen seine Chancen auf eine Beförderung in den Profikader gegenwärtig aber recht mäßig.

Ob ÖFB-Coach Gregoritsch jedoch Friesenbichler und den Rest der disziplinlosen Gruppe qualitativ gleichwertig ersetzen kann, ist zweifelhaft. Umso schwerwiegender mussten also die Gründe für seine drastischen Sanktionen sein. Demnach dürfte das sanktionierte Sextett die Nachtruhe kaum unterbrochen haben, um vor den Türen des Mannschaftsquartiers frische Luft zu schnappen. Somit ergibt sich wohl oder übel auch die Möglichkeit, eine feuchtfröhliche Feiernacht o.Ä. in den Verdachtsbestand aufzunehmen, natürlich ohne konkrete Unterstellungen unternehmen zu wollen.

Wagt man die Retrospektive auf die jüngsten Olympischen Winterspiele in Sotschi, so erinnert sich mancher vielleicht an ein Intermezzo rund um das Österreichische Eishockey-Trio Vanek, Raffl und Grabner, das laut einstimmigem Medientenor ein geselliges Mannschaftsessen promillestark prolongiert haben soll, unklugerweise nur kurz vor dem Play-Off-Spiel gegen Slowenien. Da Alkohol nicht notwendigerweise ein Ruf als regenerationsfördernde Substanz vorauseilt, war die Matchvorbereitung in diesem Kontext sicherlich suboptimal, was unter Umständen auch negativ zur finalen 0-4 Pleite beigetragen haben könnte (die Partyposse bestritt diesen Einfluss). Am Ende des Tages ein Vorfall, der Österreichs Trainer Manny Viveiros ob seiner großen Enttäuschung gar feuchte Augen bescherte.

Manch Schelm könnte nun meinen, ein Muster zu erkennen und das nicht zu unrecht, mündend in dem Verdacht, dass der Respekt mancher Österreichischer Athleten (vor allem der besten, erfolgreichsten unter ihnen) vor dem eigenen Land nicht unbedingt der allergrößte ist. Ihre berufliche Priorität scheint bei ihren Vereinen, abseits des Nationalteams zu liegen, geringgeschätzt werden womöglich die Erfolgschancen mit den Landsmännern. Zwar zeigten sich die Beteiligten der jeweiligen Vorfälle reumütig und entschuldigten sich teils öffentlich für ihr mannschaftsundienliches Fehlverhalten, eine Träne zu verkneifen hatte sich im Gegensatz zu Eishockey-Coach Viveiros aber keiner der Beschuldigten – möglicherweise ein weiteres Indiz für die unterschiedlichen Auffassungen der Wertigkeit, für sein Heimatland, für Rot-Weiß-Rot aufzulaufen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s