Mut zur Kritik

Michel Platini hat´s wieder getan. Der UEFA-Präsident hat seinem Erfindergeist zum wiederholten Male freien Lauf gelassen und die bisweilen semi-präzisierte Nations League in Auftrag gegeben. Diese soll laut erster Informationsemission Freundschaftsspiele weitestgehend ersetzen und zudem die Möglichkeit bieten, sich vorab für eine folgende EM zu qualifizieren. Wie auch bei vergangenen Innovationen Platinis herrscht Uneinigkeit über die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit eines abermals versuchten Systemumkrempelns seitens des Kontinentalverbandes.

Starke Skepsis wurde von großen Fußballnationen artikuliert, da diese weiterhin gerne gegen gleichwertige Gegner auf höchstem Niveau auch außerhalb Europas Standortbestimmungen vornehmen wollen. Aufgrund der Gebundenheit an die Nationenliga wäre das terminlich nur schwer zu vereinbaren, angesichts kommender Weltmeisterschaften aber dringend notwendig. Für kleinere Fußballnationen, wo auch Österreich unweigerlich dazugehört, gedenkt man durch die Innovation eine breitere Basis für TV-Einnahmen und Vermarktung zu schaffen. Erreicht werden soll das durch eine qualitative Kategorisierung der Nationen, die im Zuge eines fußballüblichen Auf- und Abstiegsschemas die Chance hätten, in eine bessere Nationenklasse aufzusteigen. Ein Schuss, der aber auch deutlich nach hinten losgehen kann, denn schafft es ein Nationalteam nicht aufzusteigen, oder hat sogar den Gang in eine niedere Klasse anzutreten, dürfte das dem kommerziellen Nutzen nicht unbedingt einen Schub geben. Überdies kritisch zu beäugen ist, dass man fortan nur Spiele gegen Gegner ähnlichen Niveaus bestreiten würde, was das Leistungspotenzial eher stagnieren lassen dürfte, denn es zu fördern.

Beim ÖFB blieben diese Aspekte bisweilen scheinbar unbedacht, erfreute man sich doch besonders der Tatsache, dass man als kleiner, nationaler Verband aktiv und positiv an diesem Prozess mitgewirkt habe, wie Präsident Windtner erklärte. Dass das Konzept aber noch weitestgehend unausgereift und von unvorhersehbarem Nutzen bzw. Schaden für eine mehr oder minder große Anzahl an Nationalverbänden sein kann, blieb bisher unerkannt und unerwähnt. Besonders Österreich, dessen Auswahl als durchaus aufstrebendes Fußballprojekt anzusehen ist, sollte sich aufgrund der positiven Entwicklung im aktuellen System eindringliche Gedanken machen (wie es unsere Deutschen Nachbarn im Übrigen in gewohnt kritischer, akribischer Manier vollführen), welche Risiken die Umstellung in sich bergen könnte. Stattdessen macht man sich klein, stimmt in den unterwürfigen Tenor hiesiger Politiker ein und attestiert sich die zurückhaltende Rolle des unbedeutenden Außenstehenden. Logische Konsequenz dessen wird sein, dass unsere Elf auf dem Platz dieses Standing brav adaptieren wird, wie wir es ohnehin gewohnt sind. Es mangelt der nötigen Frechheit auf und abseits des Feldes, einem gestandenen Selbstbewusstsein in Belangen wie diesen. Mit der defensiven, hausgemachten Demutsmentalität muss – wo, wenn nicht im Sport – gebrochen werden, um seinen Standpunkt nach außen zu tragen. Potenzielle Gefahren und augenscheinliche Benachteiligungen müssen erkannt werden, um sie zu vermeiden. Vielleicht auch im Sinne dessen, um beim Inkrafttreten besagter Nations League besser gestellt zu sein, als aktuell angenommen werden darf und man sich von Anfang an mit den Besten Europas messen kann. Über den Erfindergeist Platinis werden dann die vermeintlichen Verlierer der kleinen Fußballrevolution hin zur Nations League lamentieren, zu denen wir hoffentlich nicht gehören.

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