Kurzmitteilung

Moral auf brasilianisch

Kaum ein Tag vergeht, an dem WM-Gastgeber Brasilien keine Negativschlagzeilen schreibt. Eingeläutet von Protestwellen und gewaltsamen Demonstrationen gegen Millioneninvestitionen in Stadionneubauten (anstelle des Bildungs- und Gesundheitswesens), beherrschten neben dem schleppenden infrastrukturiellen Fortschritt für die Fußball-Weltmeisterschaft vor allem Gewaltakte und das allmähliche Begreifen krimineller Ausmaße im Samba-Land das Geschehen. Es herrscht eine Situation, in welcher die Moral der Armut und Ungleichheit sowie derer Folgehandlungen klein beigeben muss, um jene, nicht vorhandene Moral höherer Autoritäten zu egalisieren.

Aktuellsten Grund zu großer Besorgnis gibt ein Polizeistreik im WM-Ort Salvador de Bahia. Dieser lieferte die Bühne für zahlreiche Plünderungen und die Ermordung von 39 Menschen, wie die Salzburger Nachrichten berichten. Was hierzulande undenkbar ist, scheint in Brasilien offenbar nicht wirklich fern ab der Gewohnheit, forderte ein Polizeistreik vor zwei Jahren schließlich mehr als vier mal so viele Todesopfer. Und in Europa? Man registriert es, höchstens zeigt man sich bewusst, dass in Südamerika eine andere Größenordnung an krimineller Energien herrscht – eine tatsächliche Reaktion aber gibt es selten.

Vielmehr hingegen beschäftigt die Menschen, wie denn die Chancen um ihre Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft stehen. Wird Neymar seine Verletzung bis dahin ausreichend kurieren können? Kommt Messi noch rechtzeitig in Form? Kann Ilkay Gündogan noch Spielpraxis sammeln und auf welcher Position wird Philip Lahm überhaupt auflaufen? Es sind Fragen wie diese, die den gewaltsamen Tod von 39 Brasilianern jüngst, unzähligen zuvor und vermutlich auch vielen danach in den Schatten stellen. Doch was passiert, wenn die örtliche, launische Polizei beschließt, während des WM-Turniers zu streiken? Dann, wenn abertausende Fans aus aller Welt vor Ort sind, um ihr Nationalteam zu unterstützen. Kaum vorstellbar, wie die Menschen wohl reagieren, wenn plötzlich Profis und Funktionäre, die den Massen bekannt und mancherorts gar heilig sind, in lebensgefährliche Tumulte involviert sind. Erst dann wird man wiedererlernen, moralische Interessensprioritäten rational zu setzen. Bleibt zu hoffen, dass es dazu nicht kommt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s