Der Mann an der Pfeife

Der Ball rollt, der Samba ist an. Und kaum ist das Spektakel WM initiiert, gibt es profunden Anlass zum Poltern. Besonders am Westbalkan dürften die Krüge gebrochen sein, als in der 70. Spielminute des Schiedsrichters Instrument ertönte. Ob sich der japanische Unparteiische genötigt sah, knappen 200 Millionen weinenden, brasilianischen Gesichtern vorzubeugen, wie es vielerorts konspirativ vermutet wurde, oder er schlicht die Theatralik Freds gewürdigt wissen wollte – Strafstoß war es keiner. Neymar, Getänzel, Anlauf, drinnen. Kroatien erzürnt, Brasilien mit Armen und Augen gen Himmel ihrem Deus dankend (zum Spielbericht). Und obwohl mir das Endergebnis eine private Wettniederlage bescherte, gilt der in diesem Moment wohl polarisierendsten Person des Erdballs die Aufrichtigkeitsvermutung.

Der Misston, welcher dem 23. Mann am Felde einen stürmischen Folgetag bescherte (wie es übrigens fast all seinen Kollegen bisher widerfuhr), ist zugleich Ärgernis für uns einfachen Ritter der Gerechtigkeit. Denn mit Ausnahme jener mit verkehrter Moralvorstellung wünscht sich vermutlich jeder den minimalen Schiedsrichtereinfluss im Sinne des fairen Sports. Die einzig ungeliebte Variabel im Fußball ist dies jedoch längst nicht.

Eine Weltmeisterschaft findet bekanntlich alle vier Jahre statt, im sportartspezifischen Empfinden also alle heiligen Zeiten. Umso spezieller ist die Okkasion, den Titel zu erringen, größer denn je die Chance, zu Helden zu mutieren. Größer ist im Umkehrschluss aber auch die Beeinträchtigung durch aufgrund von Verletzungen nicht einsatzfähige Spieler, Umwelteinflüsse wie etwa hochleistungsfeindliches Klima und nicht zuletzt den Mann an der Pfeife. An die Aussagekraft und das leistungsreflektierende Abschneiden in einer nationalen Meisterschaft ist nicht zu denken. Es spielt nicht jeder gegen jeden zweimal, die Teams sind taktisch nicht bis ins letzte Detail feinjustiert und der Weg zum Titel ist behürdet von lediglich sieben Gegnern, mit Glück nicht immer die allerstärksten.

Aber genau das, das Glück, braucht es vermutlich, um den begehrten Goldpokal am Ende in die Höhe zu recken, bei einer WM noch mehr als sonst. Es ist die Zeit, in der die Trainer von 32 Nationen verzweifelt versuchen, mit ihren Konstanten auf der Taktiktafel die vielen Variablen im Spiel unwirksam zu machen, um sich ihnen letztlich dennoch untergeordnet zu sehen. Eben diese Unvorhersehbarkeit ist es aber, welche die Nerven der Fans aufs Äußerste spannt, die Emotionen hin zum Siedepunkt manövriert und über allem den Reiz einer Fußball-Weltmeisterschaft ausmacht. Infolge dieser Erkenntnis werde ich bei künftigen Wetten auf Kapitaleinlagen getrost verzichten und Deus ersuchen, den Mann an der Pfeife nicht zu häufig daneben liegen zu lassen.

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