Postweltmeisterschaftlicher Transferwahn

Fast drei Wochen ist es her, als… naja, als Götze – Brust, Fuß, Tor – und da waren sie Weltmeister. Vielerorts der ungeliebte Nachbar und dennoch bleibt auch unseren fundamental patriotischen Piefke-Verachtern und Preußen-Verschmähern wenig Luft um deren Triumph als unverdient abzustempeln. Sie lieferten ab als echtes Team, nicht abhängig von einem gegelten Wundergockel, einem hochstilisierten Thronfolger Pelés oder einem vergötterten Zauberzwerg, deren Leistungen stellvertretend für jene ihrer Mannschaften standen. Letzteren versuchte man mit der Auszeichnung zum besten Spieler des Turniers über die Finalniederlage hinwegzutrösten, wohlwissend, dass ihn auf Seiten der Sieger eine Handvoll Akteure überflügelt hatten. An vorderster Front Deutschlands Teufelskerl zwischen den Pfosten, der dem vermeintlichen Glück des Tüchtigen mit seinen Ausflügen in positionsuntreuste Spielfeldgefilde ein ganz neues Image verlieh.

Nach verschmerzbar kurzer Überbrückungsphase ohne Kickerei rollt der Ball mancherorts bereits wieder. Gleich tut es ihm der Rubbel und das mit wenig Contenance. Besonders stark vertreten am Transfermarkt sind die altbekannten Player aus Spaniens La Liga. Die geringsten Blöße geben sich – wie war es anders zu erwarten – die Big Spender von Real Madrid. Präsident und Baumogul Florentino Perez öffnet seine Geldbörse, dass es nur so klimpert. Das meiste davon fällt heuer ins sicherlich nicht verarmte Monaco ab, wo bis vor kurzem noch ein hochtalentierter Kolumbianer die Stiefel schnürte, dessen Vorname bei hiesigen Kommentatoren und Moderatoren lange Zeit veritable Ausspracheschwierigkeiten verursachte. James (gesprochen in etwa wie „Chames“) Rodríguez heißt der Mann (und nicht „Tscheims“ Rodríguez), was aufgrund seiner lateinamerikanischen Herkunft auch nicht allzu schwer nachzuvollziehen wäre. Sei’s drum, satte 80 Millionen Euro war das weiße Ballet jedenfalls bereit, für den WM-Torschützenkönig hinzublättern. Einen beträchtlichen Teil konnte man allein durch den Verkauf unzähliger Repliken seiner Arbeitskleidung mit der 10 am Rücken wieder in die Vereinskassen retournieren, viele weitere Millionen werden nach den ersten Toren und Kabinettstückchen folgen.

Die gleiche Ablösesumme ließ der FC Barcelona nach Liverpool fließen, um WM-Schreckgespenst Luis Suárez in blaugrana bekleiden zu dürfen. Während Hobbypsychologen ein prägendes Ereignis in der kleinkindlichen oralen Phase als Ursache für das unrühmliche Rendezvous mit Giorgio Chiellinis Schulter vermuteten, unterstellte eine Vielzahl einander unbekannter Möchtegern-Komödianten dem Spieler, er würde im Gegenzug satte Werbedeals mit Zahnpflegeprodukt-Herstellern für seinen künftigen Verein an Land ziehen. Bis die fußballerischen Qualitäten des Enfant terribles allerdings wirksam werden, wird etwas anderes wirksam und das ist die mehrmonatige Sperre aufgrund besagten Vergehens. Bis sich die Investition also als rentabel erweisen kann, werden auch in Katalonien nordwestenglische Temperaturen herrschen.

Für nicht wenige Fußballsympathisanten stehen die Summen, die in alljährlich steigender Manier das Transfergeschäft umgeistern, in keiner Relation zur erbrachten Leistung. Noch unmoralischer erscheint es also, wenn so ein Batzen Geld das Konto wechselt für einen Spieler, der dann noch nicht einmal sofort spielen darf. Gewissensbisse, die unser Aushängeschild im Nationalsturm, Marc Janko, kaum plagen dürften. Der hat es nämlich endlich vollbracht, mit einer Referenz von Einsatzzeiten, die jenen des Physiotherapeuten gleichen, aus Trabzonspor zu flüchten. Die Ehre des neuen Arbeitgebers wird dem exotischen Sydney FC zuteil, der sich die Dienste unserer rot-weiß-roten Nummer 21 ablösefrei sichern konnte – mehr hätte man sich die Unterschrift aber vermutlich auch nicht kosten lassen. Ob je für einen aus der österreichischen Kickergilde Summen ähnlich der obigen geboten werden, ist mehr als ungewiss, ebenso die Antwort auf die Frage, ob diese hierzulande dann auch noch als unmoralisch und nicht leistungsgerecht bewertet werden. Wahrscheinlicher ist, dass Luis Suárez, bis es denn soweit ist, eine Vielzahl weiterer Bissopfer gefunden haben wird.

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