Des Tormannes Fluch und Segen

„Da war die Haargellobby offensichtlich sehr stark. #BallonDOr2014“ – mit diesem Tweet beschloss ich die Verleihung zum Weltfußballer, wie viele etwas angewidert. Ich weiß nicht, ob es die penibel akkurate Positionierung jedes einzelnen Haupthaares oder der irritierende Brunftruf gegen Ende der Dankesrede war, der mich veranlasste, auf der Fernbedienung den roten Knopf links oben (oder sonst wo, je nach Modell) zu drücken. Irgendwie schien ich mit dem Sieger nicht so ganz zufrieden. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ein anderer sei an der Reihe. Irgendwie mochte man es Manuel Neuer vergönnen, als erster Keeper den Goldenen Ball zu fangen. Denn welcher, wenn nicht er? Doublesieger, Weltmeister, Revolutionär seiner Position. Die Reinkarnation des Liberos, die letzte Verteidigungslinie vereint in einer Person, der perfekte Hybrid zwischen Feldspieler und Torwart – so möchte man es ihm bescheinigen.

Ja Torwart, das ist eigentlich sein Posten und im Hinblick auf den Titel des Weltfußballers Segen und Fluch zugleich. Seine isolierte Position ermöglichte ihm erst, diese waghalsigen Ausflüge zu tätigen, Chancen einerseits brachial und andererseits mit der feinen Klinge zu Nichte zu machen und das Spiel von hinten heraus so zu kultivieren wie keiner zuvor. Und so de-isolierte er sie, diese spezielle Position. Jene, in der man auch Handschuhe bekleiden und ein anderes Trikot als der Rest überstreifen darf. Torwart bleibt er dennoch. Die Eins, der Verrückte zwischen den 7,32 und 2,44 Metern. Der, der hauptsächlich reagiert auf das, was der Gegner macht. Der, der keine Fehler machen darf und auch nicht bejubelt wird, wenn Tore fallen, weil er sie ja verhindert soll. So gefeiert werden wie Ronaldo und Messi? Zumindest im Stadion schlicht kein Szenario für einen Torwart. Proaktiv und reaktiv seine Stellenbeschreibung, in keinem Maße jedoch ist Aktivität so gefordert wie in jener der Konkurrenten um den Weltfußballer-Titel. Es sind die Offensivgeister, die glänzen können. Niemand wird ihnen ein misslungenes Dribbling vorhalten, in den seltensten Fällen führt es schließlich zu einem Gegentor. Das positive Risiko ist übergroß gegenüber jenem des Torwarts. They run the Show, die anderen machen die Arbeit. Und dennoch: Die Darbietungen der Manuel Neuer Überflügelnden seien nicht geringgeschätzt.

Was Ronaldo und Messi, respektive auch andere Virtuosen im weiteren Kreise der offensiven Weltelite auf den Rasen bringen, ist unfassbar und hebt nicht zu selten die Rationalität der Zuschauer aus den Angeln. Thierry Henry, nicht vor all zu langer Zeit selbst noch Bestandteil dieser erlesenen Gilde (und offensichtlich wenig angetan von Ronaldos Urschrei), bezeichnete Erstgenannte ob ihrer Filigrankünste kürzlich anerkennend als Freaks. CR7 Anno 2014 sowie im Vorjahr noch mehr als sein wuseliges, im Dienste Barças stehendes Pendant. „CR7“ schreibe ich nicht aus Faulheit, Jux oder Tollerei. Nein, es ist der Markenbegriff des nunmehr dreimaligen Weltkickers aus Madeira. Produkt: Ronaldo selbst. Natürlich erscheinen unter diesem Namen auch Unterhosen, Fußballschuhe mit eigenem Branding und ganze Kollektionen von Sponsoren und Ausrüstern. Die Marke jedoch ist die Person Cristiano Ronaldo. Wie er sich aufprustet, bevor er zum Freistoß antritt, wie er seine Tore selbstglorifizierend zelebriert, wie er abseits des Feldes posiert, stolziert und nicht zuletzt polarisiert. Der Titel zum Besten des Spiels wirkt wie ein Hygienefaktor für Ronaldo, es ist mehr Bestätigung und Zweckerfüllung denn Bonus und Ehrung für das Geleistete. Nein, man muss ihn nicht mögen. Die Wahl zum Weltfußballer ist dennoch nicht unverdient. La Decima mit Real Madrid zu holen und mehr geschossene Tore als absolvierte Spiele zu verbuchen sind nicht die schlechtesten Referenzen im Bewerbungsformular. Auch Argumente pro Neuer und pro Messi sind zu Häufe zu finden, für Ronaldo waren es letztlich scheinbar mehr. Und so sehr man im Land des Weltmeisters die Wahl auch mokierte, auffallend direkt und Partei ergreifend auch in Qualitätsmedien, so ist die Wahl dennoch keine Farce.

Viel eher eine Farce, wenn auch wesentlich weniger prioritär, mutet die Besetzung der Weltelf an. Eine brasilianische Innenverteidigung wird spätestens nach, aber nicht alleinig wegen der deutschen Lehrstunde in Belo Horizonte dieser Auswahl nicht gerecht. Definitiv gibt es Personal mit ausgeprägterer Lückenaversion als die Herren Silva und Luiz. Nicht zuletzt der Kader des späteren Weltmeisters ist mit Beispielen gespickt. Auch Andres Iniesta war zu ungeahntem Glück verholfen, seine Empfehlung zehrt wohl tatsächlich nur noch von in der Vergangenheit verdienten Meriten. Nicht unerwähnt sei David Alaba: Die Bürde der Nationalität wiegt schwer, denn alleine in Anbetracht der Auftritte im Club lichtet sich die linksbeinige Konkurrenz ganz gewaltig. Sei’s drum, denn die Spieler sollten wissen, dass die Berufung in die Weltelf kein Generaltatbestand ist. Was zählt, sind die Titel mit der Mannschaft und wer das nicht versteht, dem übersetzt es Kate Abdo sicher wohlwollend in die jeweilige Landessprache.

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