Überraschender Rückrundenstart

„Wer nicht schießt, kann nicht treffen,“ brachte es Jürgen Klopp so ziemlich auf den Punkt. Geschossen haben die Dortmunder tatsächlich eher selten, vielmehr aber abgeschossen und zwar den Vogel. Die elfte Niederlage der Saison steht zu Buche, 19 Partien sind gespielt. Man werde dennoch nicht verzweifeln, „nicht 15 Spieltage vor Schluss und nicht zwei Spieltage nach Wiederbeginn der Rückrunde“. Dass die Antworten auf die immer gleichen, an der Geduld nagenden Fragen nach erneuten Niederlagen nach Durchhalteparolen klingen, dessen ist sich der einstige Erfolgstrainer bewusst, dass man keines der ersten beiden Rückrundenspiele gewinnen konnte, schmerzt. Heftig wurde auf den Elan der positiven, ermutigend guten Vorbereitung gepocht. Das Momentum hätte sicher schwarz-gelb getragen, hätte man gleich zu Rückrundenstart ein Ausrufezeichen setzen können und den Königsklasse-Aspiranten aus Leverkusen geschlagen. Und hätte man vor allem im zweiten Spiel, einem Heimspiel, nicht verloren.

Fast zynisch schon, dass die Niederlage genau gegen den FC Augsburg passierte. Vor der Saison hätten man die beiden Mannschaften in relativ konträren Positionen erwartet, durchaus mit jenen 14 Punkten Unterschied, die es aktuell sind, bloß eben umgekehrt. Zynisch ist die Lage deshalb, weil die bayerischen Schwaben in höchst ähnelnder Manier das verkörpern, was Dortmund in den vergangenen Jahren rund um die zweimalige Meisterschaft, den Pokal-Sieg und das Champions League-Finale in den Fußballolymp hob und nicht nur München und Madrid das fürchten lehrte. Um Trainer Weinzierl und Manager Reuter, die beiden Gesichter des Augsburger Erfolges loszueisen, bedürfte es einer zweistelligen Millionensumme, ließ man die Konkurrenz aus den Führungskreisen kürzlich wissen. Doch wer sind überhaupt die Konkurrenten des FCA? Jenes Vereins, der einst wie der BVB mit einem jungen, dynamischen Trainer, aggressivem, angriffslustigem Fußball und einer in sich geschlossenen, homogenen, sich aufopfernden Mannschaft die Liga aufmischt? Zugegeben, es fällt schwer, eine Mannschaft einzuordnen, die kontinuierlich außerhalb der vermuteten Grenze ihres Schattens wandert und der man es immer noch nur mit einem zwinkernden Auge abkauft, dass sie schon wieder gewonnen hat – wie gegen Mönchengladbach, gegen Hoffenheim und – in Dortmund.

Dem Spieleretat nach hat man sich mit Kleinkontoinhabern wie Freiburg und Paderborn, maximal mit Köln und Mainz zu messen. Die jedoch bewegen sich momentan in anderen Sphären der Liga. Wenngleich auch im Breisgau und am Main über Jahre hinweg konstant hervorragende Arbeit geleistet wurde und aus wenig Geld kontinuierlich viel Ertrag gezogen wird, von 33 Punkten und Tabellenplatz vier will man jenerorts nicht einmal träumen. So darf sich die Augsburger Puppenkiste nun mit den Fohlen, Knappen und der Werkself messen und das ist entschieden ehrwürdiger als es für den Banausen klingen mag. Für viele wäre es keine Überraschung, würden den Augsburgern bald die Kohlen ausgehen und sie in jene Abgründe der Liga abstürzen, wo man sie standesgemäß erwartet hätte. Abhängig davon, wie lange die führenden Garanten des Erfolges, Weinzierl und Reuter noch die Zügel in Händen halten, die Mannschaft so mitzieht und die minimalistische Einkaufspolitik so verblüffend fruchtet wie im Moment, wäre in Zukunft vielleicht aber gerade ein Absturz das Überraschende. Just wie beim letzten Gegner in Dortmund gerade gesehen und erlebt.

Sicher nicht ungern gesehen ist die negative Überraschung, die eigentlich schon gar keine mehr ist, in Gelsenkirchen. Wenngleich selbst nur auf Rang sechs und hinter den eigenen Zielen rangierend, schmerzt diese Position dennoch einen Hauch weniger, wenn der Rivale Zeile 18 ziert. Von einer heilen, königsblauen Welt darf dennoch keine Rede sein, denn die letzen Ergebnisse sind trügerisch. Ein Heimsieg gegen Hannover 96 und ein Punkt in München sehen auf den ersten Blick recht hübsch aus, das Zustandekommen lässt die Akteure wohl dennoch nicht in Selbstzufriedenheit baden. Die drei Punkte gegen Hannover waren glücklich und zu großen Teilen der Nachlässigkeit der Niedersachsen vor dem Schalker Tor zu verdanken. Trainer di Matteo lobte sogar noch die in Halbzeit zwei gut ausgeführten Konter seiner Mannschaft. Darf das aber der Anspruch eines Teams sein, für welches das Erreichen der Champions League-Ränge obligatorisch ist? Impliziert eine höhere Zielsetzung als jene des Gegners, ein individuell besser bestückter Kader und noch dazu der Heimvorteil nicht gewissermaßen eine weniger reaktive als vielmehr spielgestaltende Rolle? Gänzlich anders sieht das offensichtlich der Trainer, schließlich führte er vor nicht allzu langer Zeit den FC Chelsea mit förmlich ideologischer Destruktivität und Defensive zum Titel in der Champions League. Der damalige Gegner ist bekannt, nun das Wiedersehen in der Allianz Arena.

Di Matteo wandte erprobtes an, Bayern eingangs wie erwartet dominant wenn auch nicht einschnürend. Erst Jérôme Boateng brachte den Wind zum Drehen, ging nach 16 Minuten mit Rot und bescherte Choupo-Moting ein Privatduell mit Manuell Neuer vom Punkt. Dass ersterem die Nerven versagten war nicht mehr als ein glückliches Folgeereignis der Notbremse. Beachtlicher war vielmehr, dass sich das Spiel im weiteren Verlauf kaum änderte. Bayern war trotz Unterzahl überlegen, Schalke adaptierte weder Ausrichtung noch Spielweise an die numerische Überlegenheit. Königsgrau in königsblau also? Natürlich ist der FC Bayern individuell so stark, dass er auch zu zehnt ein vernünftiges Spiel aufziehen kann, wie man auf Seiten der Gäste erklärte. Man ließe sich den Punkt aber nicht schlecht reden, das hätten in München noch nicht viele geschafft. Man hätte aber schon „einen Tacken mutiger“ sein können, erklärte Kapitän und Torschütze Höwedes anschließend. Können oder müssen? Schließlich hat auch der FC Schalke 04 individuelle Qualität, man will wieder in die Champions League. Unabhängig vom Ergebnis war es durchaus überraschend, dass Schalke nicht „einen Tacken“ mehr Initiative, auch gegen die Bayern zeigte. Die Angst davor, doch wieder zu verlieren schien größer zu sein, als der Wille, die Sensation zu schaffen und in München zu Siegen. Die Vorraussetzungen dafür waren immerhin besser denn je.

Anschauungsunterricht bekam man zudem Tage zuvor, als erstmals in dieser Saison die Lederhosen auch wirklich ausgezogen wurden. Der berüchtigte Sahnetag fiel für den VfL Wolfsburg diesmal tatsächlich auf den Tag, an dem die Bayern kamen und man siegte hochverdient. Frühes attackieren, dadurch gezieltes „Lahmlegen der Schaltzentrale“ in Namen Alonso und Schweinsteiger, ergänzt durch einen mit Zielwasser betankten Bas Dost und einen überragenden Kevin de Bruyne waren die Grundlagen für einen unerwartet freudigen Freitagabend in der Autostadt. Inwiefern die bevorstehende Verpflichtung von Weltmeister Schürrle, die ob der standpunktbestimmenden Ablösesumme ligaintern auf Kritik stieß, sowie vor allem der tragische Tod ihres Mannschaftskollegen Malanda zur Glanzleistung der Wolfsburger beitrug, sei dahingestellt. In gewisser Hinsicht lieferten die „Wölfe“ aber damit die Patentlösung für den Rest der Liga. So ginge es also, den Bayern beizukommen. Dass es dennoch nur den wenigsten Mannschaften gelingen wird, steht außer Frage, schließlich hatten auch die Münchner schon Angsteinflößenderes gezeigt und nicht jeder hat einen Kevin de Bruyne in seinen Reihen.

Dass dieser aber auch anders kann, erwies sich schon vier Tage später bei der Frankfurter Eintracht. Weitaus weniger lief zusammen im Spiel des VfL als es noch gegen den FC Bayern der Fall war. Tiefpunkt war ein grober Fauxpas des Shooting Stars: „Give me the ball, you Motherfucker,“ ertönte es aus seinen Lippen in Richtung eines Balljungen. Vorbildwirkung: Natürlich mangelhaft. Ob die verbale Entgleisung eine Sperre nach sich zieht, ist offen. Jedenfalls befände sich der Belgier in bester Gesellschaft, erst Klaas-Jan Huntelaar und dann Jérôme Boateng durften für vier bzw. drei Spiele einen Platz auf der Tribüne buchen. Schalke konnte den Ausfall im ersten Spiel kompensieren, zumindest ergebnistechnisch. Der FC Bayern muss es, zu stark in Qualität und Quantität ist der Kader aufgestellt. Der FC Augsburg muss in naher Zukunft Christoph Janker außen vor geben, dieser opferte in Dortmund seine Präsenz auf dem Platz für die Verhinderung eines Gegentores. Es wäre fast überraschend, wenn Weinzierl, Reuter und Konsorten nicht auch das auffangen könnten.

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