Alles Schicksal?

Fußball ist nichts für Frauen, sondern ein Männersport. Sagen sie, die selbsternannten „echten“ Fußballfans. Ist das so? Lassen wir die sprechen, denen etwas auf die Socken und nicht auf die Eier geht.

(Stand der Reportage: 16. Mai 2016. Entstanden im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der FH Wien / Journalismus & Medienmanagement)

Bedeckter Himmel, kühler Wind. Eisig, wenn man bedenkt, dass Pfingst-Montag ist. Es riecht nach den Zigaretten einer Gruppe Raucherinnen. Tiefschwarze Wolken über grauen Wohnbauten in Wien-Floridsdorf lassen den Weltuntergang vermuten. Aus krachenden Lautsprechern schallt Schlagermusik – kein Zeichen der Hoffnung. Während der Platzsprecher Namen und Nummern der Spielerinnen wenig rhythmisch verkündet, singt ein Ordner mit Schnauzbart, goldenen Ohrringen und grell-gelber Warnweste seine Version des Antons aus Tirol. „Mei Figur, a Schicksoi der Natur…“. Und während Anton aus Floridsdorf für Belustigung bei der qualmenden Damenrunde sorgt, sind die Kickerinnen des USC Landhaus und ihre Gegnerinnen aus Altenmarkt längst im Spiel.

 

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Fünfter gegen Vierter, österreichische Frauenfußball-Bundesliga. Es geht um drei Punkte in einer längst entschiedenen Zehner-Liga. Tabellenführer St.Pölten-Spratzern hat alle bisherigen 14 Saisonspiele gewonnen, so viele Siege haben Altenmarkt und Landhaus nicht einmal zusammen. Der USC Landhaus trägt violette Dressen. Sie gleichen jenen von Austria Wien. Identes Farbspiel auf einer Werbebande: „Gemeinsam in die Zukunft“ heißt es, weiß auf violett. Vergangenen Sommer hat die Wiener Austria eine Kooperation initiiert, „um Mädchen- und Frauenfußball am Standort Wien nachhaltig zu fördern“, wie der Vorstand der Austria Wien AG, Markus Kraetschmer, bekanntgab.

Die Mühlen mahlen langsam. „Bis jetzt merkt man die Kooperation nur bei den Dressen“, sagt Landhaus-Spielerin Franziska Sottner. Die Mittelfeldspielerin ist aktuell verletzt, nach dem Spiel bespricht sie mit Trainer Thomas Richter in der Vereinskantine ihre Comeback-Pläne. Sottner hat bereits College-Erfahrung in den USA gesammelt. Dort sei der Fußball „viel schneller und körperlicher“ – und vor allem „professioneller“: Acht Stunden Training am Tag, bis zu sieben Mal pro Woche in Vorbereitungsphasen seien üblich gewesen. Nicht zum Training zu kommen „gibt es dort nicht.“ In Wien-Floridsdorf kann das schon einmal vorkommen. „Alle Spielerinnen sind Studentinnen oder berufstätig. Ich würde gerne öfter trainieren. Aber ohne Bezahlung ist das umso schwieriger“, beschreibt Trainer Richter den Status quo. Die Spielerinnen bekommen beim USC Landhaus eine Aufwandsentschädigung sowie die Spritkosten für die Anreise ersetzt – ein Nullsummenspiel. Zu den Auswärtsfahrten werden Fahrgemeinschaften gebildet. Nur für die weitesten Reisen nach Kärnten und Tirol bucht der Verein einen Bus.

 

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Die Mannschaft trainiert drei Mal pro Woche. Richter hat noch einen Co-Trainer an seiner Seite, eine ehemalige Spielerin steht als Sportmasseurin zur Verfügung. Punkt. Problematisch ist die dünne Besetzung vor allem bei Blessuren. „Wenn man nach einer Verletzung zurückkommen will, liegt viel in der Eigenverantwortung“, weiß Sottner aus Erfahrung. Für Physiotherapie, wie es bei den männlichen Profis Usus ist, hat der Verein kein Geld. Als eine Spielerin gefoult wird, lässt ihr schmerzerfülltes „Auuu!“ die Zuschauer bestürzt aufschreien. Sie humpelt weinend vom Feld, zieht ihre Stutzen nach oben, fasst sich – es geht weiter. Die quirlige Schiedsrichterin mit knallrotem Kurzhaarschnitt pfeift zur Halbzeit, die Kickerinnen schwärmen in Richtung Kabine: Ein blass-oranges Container-Provisorium hinter dem Tor.

Nicht alle Mannschaften in der Frauen-Bundesliga haben knappe Kassen. Leader St.Pölten-Spratzern kann seine Spielerinnen bezahlen. Manche sogar so gut, dass sie davon leben können, erzählt Thomas Richter. „Teilweise sind die Spielerinnen hauptberuflich dort, die haben sogar Legionärinnen.“ Die Machtverhältnisse in der Liga sind klar abgegrenzt. Hinter St.Pölten-Spratzern und Sturm Graz rangiert momentan der NÖSV Neulengbach. Von 2003 bis 2014 holten die Niederösterreicherinnen alle Meistertitel. Dementsprechend durften sie jeweils in der Folgesaison an der Frauen-Champions League teilnehmen. 2014 gelang der größte Erfolg einer österreichischen Mannschaft, Neulengbach schaffte es unter die besten Acht Europas.

Mit Sturm Graz und Wacker Innsbruck gibt es nur zwei Frauen-Teams, die unter dem Namen eines Profi-Klubs der Herren geführt werden. Für Richter ist es das richtige Modell: „Wenn sich Frauenfußball in Österreich entwickeln will, muss es über die Vereine gehen.“ Von der Kooperation mit Austria Wien erwartet er sich „sehr viel“. Alleine der Name „zieht natürlich“. So haben sich schon Spielerinnen nur deshalb bei ihm gemeldet. Inhaltlich herrscht Ungewissheit: „Inwieweit im Sommer etwas passiert, können wir jetzt noch nicht sagen“, erklärt er. Eine Idee ist die Bundesligamannschaft des USC Landhaus als Frauenteam von Austria Wien zu führen. Ähnlich wie in Graz: Die Damen des SK Sturm spielen seit 2013 in der Bundesliga, in der vergangenen Saison wurden sie bereits Dritte.

 

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Nicht nur bei den Frauen besteht Handlungspotenzial, sondern vor allem bei den Mädchen. „In der Nachwuchsförderung steckt noch wenig dahinter, da fehlen die Grundlagen“, meint Landhaus-Coach Richter. Im Verhalten seiner Mannschaft bei der Balleroberung oder bei hohen Bällen sei das sichtbar. Bei einem Ausschuss der Landhaus-Torfrau scherzt ein besserwisserischer Senior in Lederjacke darüber, dass der Ball „höher als weit“ geflogen sei. Er lehnt am Eisengeländer neben der Tribüne, piesackt einen der beiden schlaksigen Linienrichter: „Für wos host du dei Fahndl?!“ Der junge Assistent wankt unsicher wie die haushohe Baumreihe auf der Gegenseite im Wind. Der Ball schlägt vor der Mittellinie auf, konfus versuchen die Spielerinnen, ihn in die Gegnerische Hälfte zu schlagen. Solche scheinbar einfachen Dinge „haben die Frauen im Nachwuchs einfach nicht gelernt“, meint Richter. Darum sollen Mädchen solange wie möglich bei den Burschen mitspielen – bis 14 ist das erlaubt – denn dort sei das Erlernen solcher Grundlagen selbstverständlich.

Der Trainer hat gelernt, nicht zu viel vorauszusetzen. Bevor er Betreuer des USC Landhaus geworden ist, war er Trainer von Jugend- und Herrenmannschaften. Er selbst ist hauptberuflicher Fertigungstechniker, früher hat er in der Regionalliga gespielt. „Ich habe mir die Liga auch professioneller vorgestellt“, sagt er über die höchste Frauen-Liga. Als er gefragt wurde, ob er Trainer in der Bundesliga werden will, habe er sofort „ja“ gesagt. Als er erfahren hat, dass es sich um die der Damen handelt, wurde aus dem „Ja“ umgehend  ein „Nein“. Er hat es doch getan. Einerseits wollte er sich als Trainer „breiter aufstellen“, andererseits sah er das Potenzial, „etwas zu entwickeln“. War er es gewohnt, in der Halbzeit kundzutun, dass ihm etwas „auf die Eier geht“, geht ihm bei den Frauen nun höchstens etwas „auf die Socken“. Mit vulgären Ausdrücken hätte die Mannschaft aber gar kein Problem, beschwichtigt seine Spielerin Franziska Sottner.

Richter ist ein emotionaler Trainer. Während dem Spiel reizt er seine Coaching-Zone aus. Er gestikuliert, fordert lautstark „Druck“, pusht seine Mannschaft. Nach dem Spiel gegen Altenmarkt braucht er erst einmal eine halbe Stunde um „runterzukommen“, wie er sagt. Im durchnässten Trainingsanzug sitzt er in der Vereinskantine und erzählt von einer 300-Euro-Strafe, die er kürzlich vom Österreichischen Fußballverband aufgebrummt bekommen hat, weil er die Schiedsrichterin kritisiert hat. Mehr als „oida Fuchs“ habe er gar nicht gesagt, niemals würde man im Herrenfußball dafür eine Strafe bekommen. Seine Ärmel sind hochgekrempelt, Unterarme auf dem rauen, nikotingelben Tischtuch abgestützt. Aus den Fenstern hinter ihm fällt etwas Tageslicht in die dunkle, kühle Kantine. Die Qualität der Schiedsrichter-Teams sieht er als Hürde am Weg zur Professionalisierung – eine von vielen.

 

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Woran es definitiv nicht liegt, sind laut Richter die Spielerinnen. Die Frauen seien „motivierter und lernwilliger“ als die meisten Männer, die er trainiert hat. Sie hinterfragen die Inhalte des Trainings, der soziale Faktor sei wichtiger. „Bei Frauen kommt zuerst die Akzeptanz, dann die Umsetzung.“ Richter betrachtet seine Spielerinnen als „Profis“: „Profi zu sein hat nichts damit zu tun, ob man Geld verdient. Wir verstehen darunter, professionell zu arbeiten.“ Männer- und Frauenfußball zu vergleichen, wäre „nicht fair“. „Bei den Männern herrschen ganz andere Voraussetzungen, es ist viel mehr Geld da“, argumentiert Sottner. Die knapp 50 Zuschauer beim Spiel gegen Altenmarkt seien wie meistens hauptsächlich Verwandte und Freunde der Spielerinnen gewesen. Wie viele Zuschauer da sind, hänge ohnehin davon ab, ob sie überhaupt mitbekämen, dass ein Spiel stattfindet und vom Wetter. Die Holzbänke in Floridsdorf sind nicht überdacht, wer sich nicht schnell genug unter dem Balkon des Vereinsheimes in Sicherheit bringt, bezahlt gegen Altenmarkt neben fünf Euro Eintritt mit nasser Kleidung.

Den Spielerinnen ist der Regen herzlich egal, die Rahmenbedingungen ihres Sportes nicht. Obwohl der Österreichische Fußballbund Leistungszentren und Akademien gegründet hat und Profi-Vereine aus dem Männerfußball Kooperationen starten, gibt es viele kleine Stellschrauben, an denen gedreht werden muss. Und wenn es nur Details sind, wie etwa die Ansage des Platzsprechers, der statt der Torschützin den „Torschützen“ Tanja Legenstein verkündet. Sie spielen aus Leidenschaft und kämpfen für Anerkennung. Wer Frauenfußball und seinen momentanen Status als „Schicksal der Natur“ betrachtet, ist nicht ernster zu nehmen als der Liedtext der Antons aus Tirol und Floridsdorf. Nach 90 Minuten feiern die Frauen aus Altenmarkt, die Wienerinnen schleichen enttäuscht vom Platz. Ob Socken oder Eier interessiert sie jetzt erst recht nicht.

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